Also verfasst hab ich den Artikel eigentlich schon am Donnerstag, den 20. Oktober, bin allerdings immer wieder darüber hinweg gekommen, ihn dann auch noch ab zu tippen… Demnach aus der Vergangenheit:
Meine lieben Freunde daheim,
die vergangene Woche widmeten wir der Aufklärung und Vertretung der Rechte der “Pirañas”.
Alles begann am letzten Mittwoch (12.10.11): Mit nur ein wenig Verspätung
stießen einige der San Bartolo-Jugendlichen, Shane und ich im Regierungsviertel im Zentrum Limas auf die Generación-Gruppe, um gemeinsam am Marcha por el CAMBIO (Marsch für Veränderung) teilzunehmen und unsere Stimme für diejenigen zu erheben, die am Rande der Gesellschaft keine besitzen. Der überaus euphorische, jedoch überraschend friedliche und respektvolle Marsch der Wähler Ollanta Humalas, dem seit dem 28. Juli 2011 amtierenden Präsidenten (Partei Gana Perú), galt der Unterstützung ihres Präsidenten, aber auch der Erinnerung an die Erfüllung seiner Wahlversprechen, der Förderung des sozialen Wandels und dem Kampf gegen die Korruption im Land. Ollanta wird von seinen Anhängern, zu welchen sich auch die Kinder, Jugendlichen und Mitarbeiter Generacións zählen, auch als der Präsident der Armen beziehungsweise des Volkes bezeichnet, da Ollanta mehr oder weniger der einzige ist, der auch die Rechte der Straßenkinder und sozial Benachteiligten fördert.
Am Freitagabend (14.10.11), nach einem langen Tag im Freizeitpark, in den ich Ereni, Andres und Moisés (anstelle von Miguel Angel, weil der schon wieder Sch… gebaut und Jhonnys Mp3-Player verkauft hat) für einen Schulausflug begleitete, machten Jhonny, Isaac und ich uns auf den Weg ins Iquitos – dem Rotlichtviertel Limas, oberhalb der Avenia Express Grau – um die Generación Kampagne gegen die sexuelle Ausbeutung von Mädchen und Jungen zu unterstützen. Bewaffnet mit Narrenkappen, Plakaten und Flyern sprachen wir die Leute auf der Straße an, um das Gesetz zur Bestrafung (zw. 4 und 6 Jahren) der “Klienten” beziehungsweise Missbrauchstäter zu promovieren. Die Situation der Kinder und Jugendlichen ist sehr problematisch:
- Sex vor der eigentlichen körperlichen Reife…
- können nicht zur Schule gehen und haben daher auch keine beziehungsweise kaum Zukunftschancen…
- um der Realität zu entfliehen begeben sie sich in die Abhängigkeit von Betäubungsmitteln — Drogen wie beispielsweise das Terokal (Klebstoff den sie in gewöhnlichen Plastiktüten/ -flaschen inhalieren), welches auf der Straße günstiger als Essen angeboten wird!…
- außerdem sind sie dem Kontakt mit Geschlechtskrankheiten wie AIDS restlos ausgeliefert…
- sie tragen schwere Schäden der physischen und psychischen Gesundheit durch den körperlichen, emotionalen und sexuellen Missbrauch davon…
- oftmals verschwinden sie einfach oder werden tot aufgefunden…
- mitunter findet nicht selten ein Bruch mit der Familie statt, sodass jedweder Rückhalt fehlt und das Gefühl ausgestoßen, allein und unerwünscht zu sein noch intensiviert wird…
Der krönende Abschluss der Woche, aber auch der harten Proben in den letzten Wochen, ereignete sich in den gestrigen Präsentationen des Theaterstücks “Nana de la Calle”, in welchem die Kids aus San Bartolo, Pucusana, aber auch von der Straße uns von ihren Lebenserfahrungen auf der Straße berichtet haben. In einer Kombination aus Folklore und Rap illustrierten sie wie sie auf der Straße gelandet sind, gelebt, gearbeitet, geraubt und gelitten haben und welchen Einfluss das Terokal und andere Drogen hatten; allerdings auch wie sie mithilfe von Generación entkommen konnten. Ihre Geschichten fesselten und rührten das Publikum und boten eine Annährung an ihre isolierte Welt am Rande der Gesellschaft.
Das war auch schon das wichtigste aus der vorigen Woche — nun zu dem seither Geschehenen
Am Dienstag (25.10.11) waren wir zur Buchvorstellung über den “Comercio sexual” und die “Explotation sexual infantil” eingeladen. Der kolumbianischer Uni-Professor Misael … hatte nach langer Forschung in sämtlichen Ländern und nach zahlreichen Interviews seine Ergebnisse in einem soziologischen Werk zusammengefasst und eröffnet, so nahe an der Realität berichtend, uns ein Tor zu dieser fremden, unheimlichen, zwielichtigen Welt! Wenn ich mehr gelesen und Lust hab, schreib ich vielleicht mal ein bisschen was zu dem Thema… Naja – man könnte jetzt sagen, dass ich so nen Buch auch in Deutschland lesen kann… Wo sind da die eigenen Erfahrungen? Nicht so ungeduldig – meine persönlichen Highlights der letzten 2 Wochen waren die Besuche der Straßenkinder und -jugendlichen im Zentrum Lima.
Nach der neu eingeführten mittwöchlichen Freiwilligen-Reunion, bei welcher Juan Enrique Bazán, der Ehemann von Sra. Lucy, über die Rolle des Kollaborateurs und die einschlägigen Prinzipien der Arbeit mit den Pirañas (…) referiert, damit wir Ehrenamtlichen im täglichen Umgang mit den Kreaturen, wie er sie immer liebevoll nennt, auf eine psychologische, soziologische Grundlage zurückgreifen können
(sehr hilfreich und unheimlich spannend) — ups jetzt bin ich abgeschwiffen
Nach der Reunion am 26.10. jedenfalls bin ich mit Jhonny, Klea und Isreal ins Iquitosviertel und zur “La piedra” begeben, um bei der Registrierung der Mädchen und Jungen zu helfen. Um ihnen zu einem Ausweis und einer Sozialversicherung, auf die sie Anspruch haben, um im Krankenhaus beispielsweise kostenlos behandelt zu werden, zu verhelfen, versuchten wir so viele Kontakte wie möglich zu notieren. Die Konfrontation mit dem wahren Gesicht Limas, der Armut, dem Müll, dem Zwielicht und der Verzweiflung, war, obwohl immer noch erschütternd, glücklicherweise nicht mehr ganz so – wie soll ichs sagen… vielleicht abstoßend? wie das letzte Mal!! Ich hab mich im Umgang mit den Straßenkindern sogar ehrlich wohl gefühlt… Er war zwar alles immer noch neu und irgendwie traumhaft-fesselnd, aber hat stattdessen eher eine Anziehung auf mich ausgeübt… so dass ich gleich am nächsten Abend (27.10.) wieder mit Jhonny diesmal ins Barrio Chino gefahren bin, um dort jemanden zu finden, der uns über die aktuellen nächtlichen Treffpunkte informieren kann und sind sogleich auf Muerto gestoßen, der seinem Namen wirklich alle ehre macht und mit seiner eingefallenen, kläglichen Gestalt wunderbar mit seiner Umgebung verschmolzen ist
Im Gegenzug hab ich ihm sein Abendessen gekauft. Da wir bis zur “Leche” um 22 Uhr (ursprünglich dem Zeitpunkt, an dem Essen oder eben Milch durch irgendeine kirchliche Organisation verteilt wurde – heute der ein allgemeiner Treffpunkt zum gemeinsamen Chillen, Quatschen, Terokal Konsumieren…) noch knapp ne Stunde Zeit hatten, hat Jhonny mich durch “sein (ehemaliges) Viertel” geführt und mir sein Leben auf der Straße näher erklärt… wie er sich zum Beispiel mit seinen Freunden vor ein kleines Kino gesetzt und auf die Möglichkeit gewartet hat, die Besucher um ihr restliches Popcorn zu bringen
– wie sie gemeinsam durch die Straße gezogen sind, um die Leute zu ärgern und gegebenenfalls um ihre Wertsachen zu bringen —- bei jener Gelegenheit hab ich ihr gefragt, ob er sich denn dann nicht wundert, warum die Gesellschaft auf die Pirañas hinabschaut und seine ein wenig trotzige Antwort hat mich auf der einen Seite unerwartet erwischt, auf der anderen aber nicht wirklich überrascht: Wenn die Leute sowieso von uns erwarten, dass wir kleine, dreckige Diebe sind und uns als solche disrespektieren, warum sollen wir diese Erwartungen nicht erfüllen – der Unterschied ist nicht mehr so signifikant oder? Und ich kann verstehen (iiiiiiiihhhhhhh… sitze gerade auf der Promenade vor meiner Haustür, schau aufs mehr, Musik in den Ohren, nach einem ausgiebigen, eineinhalb Stunden Lauf ein wenig frierend und seh unter mir eine knapp 2,5 cm große Cucaracha in meinem Augenwinkel krabbeln
) — Naja jedenfalls haben wir uns später dazu gesellt, neue Bekanntschaften gemacht, bekannte Gesichter aus dem Dormitorium im Rimac wieder getroffen, gequatscht, Fotos gemacht bis wir viel zu früh und reichlich überstürzt aufbrechen mussten, um den letzten Micro nach Hause zu erwischen. In der Nacht hatten wir auch noch Glück, doch vorgestern (Dienstag, der 01.11.) nach unserem Leche-Besuch in Santa Teresa, waren Jhonny, Jeffri, die beiden Amis und ich mehr oder weniger in Lima gestrandet, weil es kein Bus mehr gab :O nach 2 Stunden warten und hoffen, entschlossen wir uns letztendlich doch ein für peruanische Verhältnisse eher teures Taxi zu nehmen. Außerdem hatten wir noch ein Doris, ein fünfzehn jähriges Mädel dabei. Ursprünglich sollte sie in Pucusana Unterschlupf finden, war dann aber mit ihrer Freundin wieder auf die Straße abgehauen. Doch an jenem Abend sprach sie mich an, dass sie wieder zurück wolle
naja, jetzt wars aber so spät, dass wir kurzerhand entschieden haben, dass sie bei mir mit im Bett schläft – und alle waren wieder glücklich
Friede, Freude, Eierkuchen – nein, Quatsch, Spaß bei Seite!! Aber irgendwie haben mir dir Kontakte mit den Jugendlichen auf der Straße wirklich gut getan, denn die letzte Zeit war wirklich nicht ganz so rosarot, wie es vielleicht klingen mag…
Für eine ein paar Tage plagten mich gewisse Zweifel meine Arbeit hier betreffend… Deshalb hab ich auch längere Zeit nichts von mir hören lassen!
Alles Begann mit einem fiesen “Streit” mit Ereni: Am Tag zuvor hatte ich Zutaten für einen Apfelkuchen gekauft, weil mir der vom Vorvortag leicht verbrannt war und ich mein Glück nochmal versuchen wollte… Jedenfalls seh ich Ereni morgens mit einem eben dieser Äpfel und frag sie, obs ihrer ist. Ganz dreist lügt sie mir ins Gesicht und beschimpft mich, ich würd doch sowieso glauben, dass sie und alle anderen nur kleine Diebe wären und so weiter… aber halt im Vokabular der Straße… naja jedenfalls hat mich das ziemlich getroffen (auch wenns sich ziemlich blöd anhört – wegen ein paar blöden Äpfeln) und ich zog mich erst mal ans Kreuz, dem Aussichts- und meinem Rückzugspunkt, zurück, um in Ruhe nachdenken zu können… jedoch ließ mich diese innere Unruhe, auch nachdem Ereni sich am nächsten Tag ganz lieb entschuldigt hat, nicht mehr los
Heimweh, der einfache, in dem Moment unerfüllte Wunsch von den Kids akzeptiert, respektiert zu werden sowie Zweifel über den Nutzen meiner Bemühungen versus der unermüdlichen Hoffnung doch etwas bewegen zu können, für die Kids da sein zu können, wenn sie mich brauchen! Aber brauchen sie mich? Versunken in diesem Teufelskreis von Irrungen und Wirrungen verbrachte ich etliche Stunden in Meditation und das ein oder andere Mal am Rande eines Nervenzusammenbruchs… Ich glaub, dieses Stimmungstief könnte ich gegebenenfalls zu Hause ausgelassen haben – “TUT MIR LEID!” an dieser Stelle… Ich weiß, dass ichs euch nicht immer einfach mache!
ich versuch mich zu bessern! Naja – mittlerweile aufgrund einiger kleinen zwischenmenschlicher Erfolgserlebnisse und dank Juan Enrique, der in der Reunion von dem Jahrezehnte langen, oftmals aussichtslos wirkenden Kampf um die Schicksale der Schützlinge und die etlichen Rückschläge, die wir einzustecken haben, berichtete, gehts mir jetzt schon deutlich besser. Obgleich noch nicht alle Zweifel eliminiert zu sein scheinen! Ein bisschen hab ich glaub ich noch auszutüfteln – Schritt für Schritt!